DER SPIEGEL, Spezial 2/2002 Vom 01.06.2002, Seite 48
Autor: Thomas Wiegrefe, Klaus Darnstädt
„LAUFT, IHR SCHWEINE!“
Nach dem Einmarsch der Roten Armee in das Deutsche Reich beginnen „die wilden Vertreibungen“. Hunderttausende werden im Sommer 1945 aus den Ostprovinzen, der Tschechoslowakei und Polen hinausgeworfen.
Europa, berichtete damals das amerikanische Magazin „Time“, war „aus dem schrecklichsten Krieg der Geschichte in den fürchterlichsten Frieden übergegangen.“
Den Pommern ging es ebenso schlecht. Am 1. Juli, nachmittags um 17.30 Uhr, erschien der neue polnische Bürgermeister einer Gemeinde mit Namen
Gottschimmerbruch,
im Schlepptau zwei Polizisten. „In 30 Minuten raus“, wurde die Bäuerin Anna Kientopf angeherrscht.
Zugleich brachte das Räumkommando, wie die Frau später zu Protokoll gab, „eine Menge Ukrainer-Jungs“ mit auf den Hof. Vertriebene ersetzten Vertriebene.
Als sich der eilends zusammengestellte
Treck, zu dem auch Anna Kientopf gehört, Richtung Westen in Gang setzt – ein Elendsmarsch der Entwürdigten - , schlägt ein aufgeputztes polnisches Mädchen mit Topfdeckeln, den Takt dazu.
Dann wird die Bewegung auch über den Mann hinweggehen, der versucht hatte, gegen Europa zu sein. Sie wird Europa schaffen, indem sie die Europäer verändert.
Alfred M. de Zayas
ARES VERLAG GRAZ
1. Weltkrieg
Feldpostkarte von Adolf Hitler 1915
Verlag für
FREMDSPRACHLICHE LITERATUR
MOSKAU 1946
Luftfeldpost Feldpostbriefe aus Russland März 1941 bis Januar 1945
Brenkenhoff (Brenkenhof)
Franz Balthasar Schönberg von,
1723 - 1780
preuß. Staatsbeamter.
B. erschloß durch Trockenlegung von Sümpfen und den Bau von Kanälen Teile Pommerns, der Neumark und des Netzedistrikts.
Die Neumark
1809
Der Friedebergische Kreis
(nach F.W.A. Bratring
Beschreibung
der Mark Brandenburg
1809)
Grenzt gegen Süden an den Landsbergischen Kreis und an das Herzogtum Warschau, gegen Osten an Warschau und an den Netzedistrikt, gegen Norden an den Arenswaldischen Kreis und an Pommern und gegen Westen an den Soldinischen und Landsbergischen Kreis.
Die Mitte besteht, auf beiden Seiten der Netze, aus einem sehr fruchtbaren Landstrich,
das Netzebruch
genannt, welches durch die Bewallung dieses Stroms und durch Anlegung einiger Kanäle, auf Kosten der Regierung in verschiedenen Zeitpunkten urbar gemacht und mit Kolonisten besetzt ist. Der Grund und Boden des Bruches zeichnet sich, ungeachtet er Torf enthält, sehr durch seine Fruchtbarkeit und seinen Heuertrag aus. Die Gegend bei Driesen ist sehr sandig; der Mangel des tauglichen Ackers wird dort aber durch die angrenzende Bruchgegend ersetzt.
Die Netze durchströmt den Kreis von Osten nach Westen, und nimmt nördlich der Drage mit einer großen Anzahl Nebenflüsse auf.
Brenkenhofsbruch
In Brenkenhofsbruch an der Netze lebten mein Großvater
Karl Friedrich Otto Werk
geboren am 4. Dezember 1870
und meine Großmutter. Er war Schneidermeister und Kleinlandwirt und bewirtschaftete ca. 15 Morgen und blickte auf 80 Obstbäume.
Die standesamtlichen Spuren meiner Vorfahren konnte ich noch bis in das späte 18. Jahrhundert nachweisen. Sie waren Bauern und Netzeschiffer.
Brenkenhofsbruch war kein geschlossenes Dorf. Durch die Kolonisation unter Friedrich dem Großen gab es überwiegend Einzelgehöfte.
Hier verbrachte ich viele Jahre meine Schulferien.
So war er, mein Großvater:
Der bösartige Kettenhund
Die Wette stand. Er sollte versuchen, den Hund in seine Hütte zu treiben. Mein Großvater war sehr einfallsreich, impulsiv und nicht ängstlich. Unerwartetes geschah. Mein Großvater zog seine Hosen herunter, entblößte kurzerhand seinen Hintern, kniete nieder und kroch langsam rückwärts an den Hund heran. Der Hund wich zurück. – Mein Großvater gewann die Wette.
Sommer 1929
Erster Besuch bei meinen Großeltern. Mein Vater, ein Drahtesel und ich auf einem metallenen Kindersitz. Es war eine lange und beschwerliche Fahrt auf Feldwegen von Arnswalde ins Netzebruch.
1932
meine ersten Schulferien ohne Begleitung. Die Kleinbahn brachte mich bis Friedeberg-Ost. Eine kleine Dampflokomotive zog gemächlich einige Waggons hinter sich her. Die Schienenstränge auf Schmalspur reduziert. Ein längerer Fußmarsch auf dem Netzedamm bis zum Altarm der Netze. Drüben, auf der anderen Seite der Netze, lag Gottschimm und in weiter Ferne Driesen.
Dann der Feldweg und die lange Pflaumenbaum-Allee bis zum Fachwerkhaus meiner Großeltern, mit Reetedach und Blitzableiter.
Viele Jahre in den Sommerferien kam ich mit dem Fahrrad. Das Haus meiner Großeltern stammte noch aus der „Kolonialzeit“ des Netzebruches. Es lag abseits des Hauptweges. Feste Straßen gab es nicht. Vor dem Haus in Südlage ein großer Bauerngarten. Gegenüber Stall, Scheune, Misthaufen und Plumsklo. Der Ziehbrunnen, mit dem einmalig köstlichen Wasser, unter dem großen, ausladenden Walnußbaum wenige Schritte vom Haus entfernt. Schäferhund Trolly überblickte alles von seiner großen Hütte. Außerhalb des Hauses hinter den vielen Obstbäumen der gemauerte Backofen.
Das Haus hatte drei große Zimmer, eine geräumige Speisekammer, zwei Kachelöfen und die kleine dunkle Küche. Die Schneiderwerkstatt mit einer Nähmaschine war gleichzeitig Wohn- und Schlafzimmer. In der guten Stube, benutzt als Rumpelkammer, hing sicherlich schon seit vierzig Jahren das große, eingerahmte Foto der Kaiserfamilie. Das erinnert mich an meinen Vater (1899) und seinen Wunsch, noch 1918 freiwillig in den Krieg zu ziehen. Mein Großvater hat das vereitelt. Ebenso durfte er nicht Fleischer lernen. –
Hochsommer, Erntezeit. Das Kornfeld. Eschwerder hieß das große Stück Land. Weit entfernt vom Haus. Mein Großvater mähte mit der Sense. Zwischendurch wurde sie gedengelt. Meine Großmutter und ich bündelten das Gemähte zu Garben und stellten die Mandeln auf. Später wurde bei einem befreundeten Bauern gedroschen.
Drei Kühe standen im Stall. Eine Weide gab es nicht. Grünfutter musste verfüttert werden. Von der großen Wiese unweit des Hauses wurde es geholt.
Die Schweine und die Ferkel versorgte meine Großmutter, ebenso besorgte sie das Melken.
Die Nachbarn außer Hör- und Riechweite. Viele Rinder vom benachbarten Großbauern schauten manchmal über den Zaun.
Es war Nacht. Nachbar Brüning weckte meinen Großvater. Er brauchte schnelle Hilfe für seine wertvolle Kuh. Sie lag am Boden mit aufgeblähtem Leib. Der Stall nur spärlich beleuchtet mit einer einfachen Stallaterne. Mein Großvater benötigte ein langes, dünnes Metallröhrchen. Zum Glück wurde es nach emsigem Suchen gefunden. Mit einem schweren Hammer und kurzen, kräftigen Schlägen trieb er das Röhrchen durch das Kuhfell. Ein Wunder: die Luft entwich. Die Kuh überlebte diesen Eingriff. –
Da war nur ein Fahrrad für Großvater. Im ersten Jahr meiner Ferien Fahrversuche. Querstange und Sattel waren zu hoch für mich. Es lief dann erfolgreich mit Schräglage unter der Querstange.
Willi und Walter Ladewig, Nachbarskinder, meine ständigen Spielkameraden. Wie Hund und Katz’ rauften sie sich manchmal die Haare aus. Es war beeindruckend für mich, wie sie barfuß über das gemähte Kornfeld liefen. Ich lernte es von ihnen. Der dunkle Schuppen mit Brennholz und Briketts gab den Rahmen für das Suchspiel „Wasser – Feuer – Kohle“ mit viel Geschrei.
Auch das lernte ich von ihnen: Ausgediente Fahrradfelgen als Reifen, angetrieben mit einem leicht gekrümmten dünnen Stock. Wettrennen auf dem unebenen Feldweg. Wir gingen zusammen angeln im unweiten Seitenarm der Netze. Das war ein stehendes, dunkles Gewässer mit vielen Fischen:
Aale, Plötzen, Schleie, Barsche, Hechte. Vielseitiges Angelgerät war greifbar, der Fang spärlich. –
Die Netze.
Da gab es Zander. Ein wertvoller Fisch. Unsere Versuche, ihn zu fangen, waren erfolglos. Wir konnten schwimmen. Aber das Baden in der Netze war nicht ungefährlich. Sie hatte eine sehr starke Strömung. Und die vielen Buhnen waren tückisch.
Während der Kaiserzeit ertrank ein Bruder meines Vaters. Ergebnisloses Suchen. Nach drei Tagen kletterte mein Großvater auf das Reetedach seines Hauses und rief in den Schornstein seinen Namen. Erneutes Suchen, und seine Leiche wurde gefunden.
Woher nahm er wohl dieses geheimnisvolle Wissen ?
Einmal der Besuch bei Verwandten auf einem Netzekahn; beeindruckend wie sie lebten und arbeiteten.
Eine Fähre besorgte den Übergang zum anderen Ufer der Netze.
Es gab nicht selten schwere, anhaltende Sommergewitter. Das Unwetter konnte nicht über den Damm und die Netze. Wir saßen in der Stube. Trolly verkroch sich ängstlich unter dem Bett. Eine freiwillige Feuerwehr irgendwo. Das nächste Telefon beim entfernten Gastwirt. Der Blitz hat alle verschont.
Viel Obst wurde geerntet und verwertet. Äpfel, Pflaumen, Schattenmorellen, Pfirsiche. Die zahlreichen Johannisbeersträucher gaben eine ausreichende Menge her für einen kräftigen Johannisbeerwein.
An der Nordseite des Hauses die kleine, von außen begehbare Kammer. Da gluckerten die großen Weinbirnen still vor sich hin.
Wie ein Festessen, die ersten Frühkartoffeln mit Sahnehering. Eine Spezialität meiner Großmutter. Noch eine andere Spezialität des Hauses: Bratwurst. Sie hieß so, wurde aber nicht gebraten.
Nach dem jährlichen Schlachten entstand sie und wurde geräuchert. Der Geschmack war einmalig, ohne E’s und Geschmackverstärker.
Sehr selten erreichte uns eine Bratwurst in Arnswalde. –
Der Mittagsschlaf ein Muss, entweder unter einem Apfelbaum oder in der Scheune. Der Tag war lang und endete erst spät im Dunkeln. Vor dem Haus, unweit vom Brunnen, das Füßewaschen.
Das „tägliche Brot“ brachte heuer ein Bäcker. Auf dem entfernten Hauptweg klingelte er einmal in der Woche. Der alte Backofen stand aber immer noch, weit entfernt vom Haus hinter den vielen Apfelbäumen.
Eines späten Abends das Getuschel in der Stube mit mehreren Nachbarn. Im Gespräch das „Siebte Buch Moses“ mit den unheimlichen Auswirkungen im Haus eines Unbekannten.
Eine andere Geschichte muss wohl schon vor dreißig Jahren passiert sein. Mein Vater hat sie mir erzählt. Er hatte ein Problem mit seinem Lehrer. Mein Großvater löste es handgreiflich, wobei er lauthals um Hilfe schrie. Es gab kein gerichtliches Nachspiel .
Brenkenhofsbruch gegen Hochwasser abgesichert durch den hohen Damm. Immer noch Entwässerungsarbeiten bei den vielen Gräben. So kam auch eines Tages die Arbeitstruppe mit dem leitenden Ingenieur. –
Juni 1942
Einige Tage vor meiner Einberufung zum Wehrdienst ein letzter Besuch und Abschied für immer. –
Herbstanfang im Netzebruch
Von Franz Lüdtke
Es saust der Zug am Moor entlang,
Die Nebel schleichen und dehnen sich bang.
Die Wolken drücken mit grauer Last,
Die Welt vergißt das Atmen fast.
Ein Regen schauert und raunt und rauscht –
Es stöhnt die Erde in Angst und lauscht
Auf Geister, die nicht zu bannen sind;
Auf das große Sterben, das heute beginnt.
Brenkenhofsbruch
Februar 1945
Ein wirksamer Widerstand gegen die immer näher kommenden russischen Truppen war nicht möglich.
Kilometerlange Flüchtlingstrecks mit versprengten Soldaten durchzogen das Land auf den Hauptstraßen. In den abseits gelegenen Ortschaften merkte man nicht viel von der jetzt beginnenden Auflösung. An der Netze warteten die Soldaten auf Verstärkung aus Arnswalde, um den Fluß zu halten.
In Altkarbe an der Ostbahn, am Nordrand des Netzebruches, hatten die Russen eine Kommandostelle.
Ein russischer Major wurde am 25. Februar 1945 auf einer Erkundungsfahrt nach Brenkenhofsbruch erschossen. -
Das Vergeltungskommando trieb wahllos 55 Einwohner gegenüber der Fähre zusammen. Sie wurden von Rotarmisten mit Maschinenpistolen erschossen. Eine Einwohnerin hatte nur eine leichte Armverletzung. Sie suchte ihr Gehöft auf und blieb dort bis zur Vertreibung am 25. Juni 1945.
Lieben und hassen,
Streit und Friede hat seine Zeit
Prediger 3.8
Manches Herrliche der Welt
Ist in Krieg und Streit zerronnen
Wer beschützet und erhält
Hat das schönste Los gewonnen
Goethe
... und Frieden auf Erden
Anmerkung:
Graphik von Brenkenhof, Fotos Netzekreis und
"Friedrich der Große und der Glaser" aus
Netzekreis
Ein ostdeutsches Handbuch
Im Auftrag des Kreisausschusses hrsg. von Horst von Cornberg und Werner Köhler – Neudruck der Ausgabe von 1932 – Husum: Husum Druck- und Verlagsges. 1983
ISBN 3-88042-203-6
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek